Vorwort

„Wir haben euch etwas zu sagen“ hieß eine Ausstellung, die 1984 im Bayerischen Nationalmuseum gezeigt wurde. Menschen mit geistiger Behinderung sprachen zu den Besuchern durch ihre Bilder. Und obwohl dabei auch immer einiges von ihrer individuellen Persönlichkeit aus dem Bild zu erkennen war, so blieb doch ein direkter Zugang zu den dahinterstehenden Menschen verwehrt.

„Ich bin anders … als du denkst“ nannte sich die Fotoausstellung von Andreas Bohnenstengel, die 1999 in München eröffnet wurde und seither an vielen Orten zu sehen war. Porträts von Kindern und jungen Menschen mit Down-Syndrom, begleitet von einem kurzen Steckbrief und einigen ergänzenden Texten, versuchten, das Bild zu korrigieren, das vielfach in der Öffentlichkeit herrscht. Unterschiedliche Gesichter, nachdenkliche und vergnügte, prüfende und verschmitzte Blicke – die Überraschung, die sich im Titel ankündigte, war gelungen. So „anders“ als wir sahen sie plötzlich gar nicht mehr aus, diese Menschen, die meistens über ihre Gemeinsamkeiten definiert werden und nicht als Einzelwesen.

Auch im vorliegenden Buch geht es um Men-schen mit Down-Syndrom, die man früher „mongoloid“ nannte. Und wieder haben sie uns einiges zu sagen. Aus ihren Fotos strahlen Persönlichkeit und Charme, Lebenslust und Herzlichkeit, aber auch Ernst und Anteilnahme. Die Texte erwuchsen aus einer langen Beschäftigung mit diesem Thema: Angehörige, Freunde, Betreuer und nicht zuletzt Menschen mit Down-Syndrom selbst kommen zu Wort. Sie lassen uns teilhaben an ihrem Leben, an ihrer Freude und ihrem Schmerz, an ihren Gedanken und Gefühlen. Wir begegnen Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, die, obwohl sie für immer auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, mit viel Tapferkeit und Energie Hindernisse zu überwinden versuchen, sich mit sich selbst auseinandersetzen und auch in schwierigen Situationen eines nicht verlieren: die Freude am Leben und den Mut, es täglich neu zu bestehen.

Fotos und Texte sind Momentaufnahmen aus unserer Zeit. Sie erscheinen uns wie ein Kaleidoskop: Würde man es schütteln, ergäbe sich ein immer wieder neues Bild, ebenso wie sich vor 20 Jahren ein anderes Muster gezeigt hätte als jetzt. Wir alle hoffen, dass auch die nächsten 20 Jahre dazu beitragen, dass sich die Situation für Menschen mit Down-Syndrom weiter „normalisiert“, dass sie die Chance bekommen, sich immer mehr in unsere Gesellschaft zu integrieren. Das Kaleidoskop kann immer neu geschüttelt werden. Und wir sind sicher: Die Gesellschaft wird es nicht bereuen, sie aufgenommen zu haben, denn sie haben viel zu geben. Sie haben uns, im besten Sinne des Wortes, „viel zu sagen“.

„Menschen mit Down-Syndrom begegnen“ – sie begegnen uns, wir begegnen ihnen, sie begegnen einander – im Leben und im vorliegenden Buch. Es soll ein Beitrag sein, diese Begegnung besser gelingen zu lassen, Eltern zu helfen, sich selbst zu orientieren und Angehörige und Freunde zu informieren und Menschlichkeit und Toleranz in unserer Gesellschaft zu stärken.

 

Hanni Holthaus

Angelika Pollmächer

 

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